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Warenmarke 1894

Stadtmuseum Aarau

Kern & Co. AG

Werke für Präzisionsmechanik, Optik und Elektronik
1819 bis 1991 in Aarau

Studiensammlung Kern Aarau

ab 2009 im Stadtmuseum Aarau

Bild 1: Brief von Paul Klee, Bern, an Walter Lotmar, 10.12.1939, Privatbesitz, Schweiz ©Zentrum Paul Klee, Archiv

"Ein lang gehegter Wunsch", der Projektionsapparat von Paul Klee

Walther Fuchs*

Mit der Anschaffung eines Projektions-Apparats erfüllte sich Paul Klee im April 1940 laut Felix Klee einen lang gehegten Wunsch. Er wollte kleinformatige Zeichnungen an die Decke oder Wand seines Ateliers projizieren, um sich dadurch für Arbeiten grösseren Formats anregen zu lassen. Bei einem Auflichtprojektor (Episkop) wird die eingelegte Vorlage beleuchtet und über ein Objektiv und einen kippbaren Spiegel auf eine Leinwand geworfen. So lassen sich Bilder, Postkarten und andere Dokumente, die im Original nur ein kleines Format auf­weisen, einem grösseren Publikum präsentieren.

Bild 2: Entwurf des Briefes von Paul Klee, Bern, an die Firma Kern, 13.2.1940, Privatbesitz, Schweiz, © Zentrum Paul Klee, Archiv

Bei der Beschaffung des Projektors wurde Paul Klee von Walter Lotmar beraten, dem Sohn einer seiner besten Freunde, des Neurologen Fritz Lotmar. Walter Lotmar, den Klee schon als Kind gut kannte, arbeitete bei der Firma Kern & Co. AG in Aarau, die auf die Entwicklung und Fertigung optischer Geräte spezialisiert war. In den 1940er Jahren entwickelte er ein Verfahren der Antireflex-Beschichtung für das lichtstarke Objektiv "Kern SWITAR" der Paillard-Bolex-Filmkameras. Klee und Lotmar erörterten Anfang Dezember 1939 in einem Brief (Bild 1) die Konstruktion und die Funktionsweise des Projektionsapparats. Mitte Februar bat Klee dann die Firma Kern um einen Kostenvoranschlag für die Herstellung des Apparats (Entwurf im Bild 2) und fügte eine "Skizze des Apparates" bei, die heute nicht mehr auffindbar ist. Mit der Gewissheit, mit Lotmar einen "gewichtigen Fachmann" zur Seite zu haben, entschied sich Klee (im Brief Bild 3) für den Kauf des nach Mass angefertigten Apparates, obgleich die Herstellungskosten in Höhe von 300 bis 350 Franken für ihn "eben doch recht viel Geld" waren (Bild 3).

Bild 3: Brief von Paul Klee, Bern, an Walter Lotmar, 5.3.1940, Privatbesitz, Schweiz © Zentrum Paul Klee, Archiv

Bild 4: Postkarte von Walter Lotmar, Aarau, an Paul Klee, Bern, 27.3.1940, Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Familie Klee © Zentrum Paul Klee, Bildarchiv

Bild 5: Projektionsapparat von Paul Klee in der Rekonstruktion von Paul Klees Atelier am Kistlerweg 6 in Bern, anlässlich der Ausstellung Paul Klee: ich bin Maler im Zentrum Paul Klee (7.7.2016 bis 30.10 2016, © Walther Fuchs, Zürich

Er bestellte bei der Firma Kern die Optik, die Lampe und die Spiegelmechanik und liess sich von einem Schreiner unter Aufsicht von Lotmar den Gehäusekasten anfertigen. Am 27. März 1940 schrieb Lotmar an Klee auf einer Postkarte, dass der Apparat bereits in Arbeit sei (Bild 4).

Lotmar dürfte dann bei dem von Klee in seinem Atelier veranstalteten "feierlichen Akt der Einweihung" des Projektionsapparats sicher anwesend gewesen sein und den Künstler mit der Funktionsweise des Projektionsapparats vertraut gemacht haben. Die maximale Grösse der Vorlage betrug 30 x 40 cm. Wegen der Hitze, welche die Lampen entwickelten, durfte der Apparat nicht zu lange in Betrieb sein, da sonst die Gefahr bestand, dass die Papiervorlage beschädigt wurde. Durch die Spiegelprojektion war die Vergrösserung seitenverkehrt, was Klee laut Walter Lotmar jedoch nicht störte. Papierbildprojektoren, eine Weiterentwicklung der Laterna magica, die später durch Glasbildprojektoren ersetzt wurden, fanden seit Ende des 19. Jahrhunderts in Volksschulen, an Universitäten und auch in privaten Haushalten Verbreitung. Gemäss Felix Klee und laut Aussage von Petra Petitpierre, einer ehemaligen Meisterschülerin Klees an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf (1931 bis 1933), war der Apparat nach Klees Tod als Geschenk von Lily Klee in den Besitz von Jürg Spiller übergegangen.

Zu einem unbekannten Zeitpunkt gab Spiller den Apparat an die Familie Klee zurück (Bild 5). Ob Paul Klee den Projektionsapparat in den maximal anderthalb Monaten, in denen er vor seinem Tod noch arbeiten konnte, je als Hilfe für die Ausführung von farbigen Arbeiten auf Papier oder Gemälden grösseren Formate verwendet hat, bleibt noch zu klären (Bild 5).

Bild 6: Projections-Objektiv, Nr. 1085, 1:4,5, F=360mm, Kern Aarau, © A. Lardelli, Studiensammlung Kern, Aarau

Bild 7: Das Episkop von Paul Klee, der vertikale Schacht dient der Fokussierung und der kippbare Spiegel zur Ausrichtung des Bildes, © A. Lardelli, Studiensammlung Kern, Aarau

Am 9. Juli 2017 besuchten Aldo Lardelli und Rolf Häfliger von der Arbeitsgruppe der Studiensammlung Kern das Zentrum Paul Klee, um die Konstruktion und die Funktionsweise des Projektionsapparats von Paul Klee zu beurteilen. Der Besuch stand im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Artikels "Ein lang gehegter Wunsch", der Projektionsapparat von Paul Klee 2016 von Walther Fuchs in der Zwitscher-Maschine, 2016, Heft 2, Seiten 96 bis 98).

Rolf Häfliger fasste das Resultate der Untersuchung wie folgt zusammen:

1. Das Objektiv mit der Nummer 1085 ist ein "Kern Projections-Objektiv" mit einer Mindestlichtstärke bis 1:4,5 und einer Brennweite von 360mm. Die Daten sind auf der Objektivfassung eingraviert (Bild 6).

2. Das Gehäuse besteht aus Holz. Auf der Gehäuse-Innenseite sind vier Glühbirnen mit je 60 Watt zur Beleuchtung der Projektions-Bildvorlage eingebaut. Für die Wärmeabfuhr sind im Gehäuse seitlich angebrachte Lüftungslöcher vorhanden.

3. Der Umlenkspiegel kann auf das Objektiv aufgesetzt werden und lässt sich über eine Stütze in seiner Neigung verstellen (Bild 7)

4. Die Fokussiereinrichtung besteht aus einer Vierkant-Holzsäule auf der das Objektiv montiert ist, welches nach dem Lösen der vier Flügelmuttern aus dem Gehäuse herausgezogen werden kann. Das erlaubt die Scharfstellung des projizierten Bildes mit dem Objektiv. Auf der Wand des leicht abgedunkelten Raumes war bei eingeschaltetem Episkop kein Bild zu sehen. In dem 45° geneigten Umlenkspiegel konnte man die Bildvorlage allerdings erkennen. Damit war klar, bei einer Lichtstärke von lediglich 240 Watt war es nötig, den Raum total abzudunkeln.

Bild 8: Das Episkop projiziert undurchsichtige Bildvorlagen an eine Wand oder an die Decke © A. Lardelli, Studiensammlung Kern, Aarau

Die ganze Einrichtung wurde deshalb in eine Dunkelkammer des Zentrum Paul Klee verlegt, mit dem Erfolg, dass tatsächlich auf der weissen Wand das scharf gestellte Bild klar und deutlich zu sehen war (Bild 8).

Fazit der Untersuchung

1. Das Objektiv stammt von der Firma Kern & Co. AG, Aarau.

2. Das Episkop aus dem Nachlass von Paul Klee funktioniert in vollständig abgedunkelten Räumen einwandfrei.

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* Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung zweier Artikel von Dr. Walther Fuchs "Ein lang gehegter Wunsch", der Projektionsapparat von Paul Klee, in: Zwitscher-Maschine: Journal on Paul Klee = Zeitschrift für internationale Klee-Studien,

2016, Heft 2, Seiten 96 bis 98 und

2018, Heft 5, Seiten 128, 129.